Entängstigen und offenlegen


Altar in Rauthal am Reformationstag. Bild: Angelika Beer

„Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ (Matthäus 10, 26b) 

Mit diesen Worten, die Jesus seinen Jüngern mitgibt, beginnt der Predigttext für den diesjährigen Reformationstag. Und mit diesen Worten lässt sich auch gut beschreiben, was Martin Luther vor 509 Jahren angetrieben hat, sich hinzusetzen und seine 95 Thesen zu verfassen.

Beinahe 34 Jahre alt war Martin Luther im Herbst 1517 und innerlich unruhig. Sein Leiden an der damaligen Kirche war derart groß geworden, dass er – der Mönch und Theologieprofessor – es nicht mehr aushielt und am Abend vor Allerheiligen seine Thesen zum Zustand der Kirche am Ostportal der Wittenberger Schlosskirche anbrachte. Damit diese Thesen wahrgenommen und diskutiert werden. Die Schlosskirche war die Kirche der Universität und das Ostportal so etwas wie das Schwarze Brett der Universität. Alles, was wichtig war, wurde dort veröffentlicht. Parallel verschickte Luther seine Thesen auch per Post an Gelehrte und Kirchenobere.

Kirche soll nicht Kapital schlagen aus den Ängsten der Menschen – das war es, was Martin Luther nicht mehr mit ansehen konnte. Die Gläubigen sollten Geld zahlen, um längst Verstorbene vor Fegefeuer und Höllenqualen zu befreien. Je größer die Angst war, desto mehr Geld wurde eingetrieben. Ebenso je stärker die Menschen in Unkenntnis über das Schicksal ihrer Verstorbenen waren.

Martin Luther wollte entängstigen. Indem er offenlegte, welchen Weg die damalige Kirche eingeschlagen hatte. Von diesem Weg wollte er abbiegen und zurück zu den christlichen Wurzeln gelangen. Das kirchliche Leben zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückführen. Entängstigen und Vertrauen wiederherstellen. Vertrauen nicht nur in die kirchlichen Strukturen, sondern auch Vertrauen in Gott. Damit der Glaube nicht von Ängsten durchseucht ist.

Diese Aufgabe stellt sich uns auch heute, als evangelische Kirche, die in ihrem Namen das Evangelium, die froh und frei machende Botschaft Gottes, trägt. Zu entängstigen, wo Ängste Überhand nehmen, toxische Strukturen aufzeigen und offenlegen. Und diese Aufgabe stellt sich uns als Christenmenschen, in unserem Alltagsumfeld sowie auch in unseren Kirchengemeinden: Dass wir an Vertrauen bauen, am Frieden arbeiten, an Versöhnung und das Gute groß werden lassen.

Die liturgische Farbe für den Reformationstag ist rot – an den Altären und Kanzeln unserer Kirchen ist sie heute zu sehen. Rot wie das Feuer der Liebe und der Erneuerung, das Feuer von Gottes Kraft, dem Heiligen Geist, das nicht zerstört, sondern wärmt, tröstet und aufbaut.

Pfarrerin Angelika Beer