11. Runder Tisch: Einblicke in moderne Methoden der Traumaarbeit


Diplom-Psychologe Dieter David erläuterte anlässlich des 11. Runden Tisches der EKR, wie man traumatisierten Menschen helfen kann. Bild: Roger Parvu

Vorweg gleich die erste gute Nachricht zum Beginn des 11. sogenannten Runden Tisches des Migrationsreferates der EKR am 1.  April 2026 in der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS): Dadurch, dass auch bei diesem Runden Tisch (denn dies haben wir bei den meisten Runden Tischen erlebt) ein neuer Teilnehmerkreis angesprochen wurde, waren mehr als die Hälfte davon zum ersten Mal dabei.

Erfreulicherweise waren viele, also fast die Hälfte, aus den Diensten unserer Kirche: aus der Diakonie Fogarasch und dem Diakoniewerk Hermannstadt, die beide vor allem mit Behinderten arbeiten, als auch aus dem Schülerheim und aus Sächsisch–Regen.

Sicherlich hat der bereits in der EKR bekannte Referent, Diplom-Psychologe Dieter David, Traumatherapeut und ehemaliger Leiter der PBV Stuttgart von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, dazu beigetragen. Die PBV Stuttgart ist ein klinisches Zentrum für die Behandlung von traumatisierten Patienten.

Auch das Thema „Effiziente Hilfe für Traumatisierte und Einführung in Gruppensupervision als Lösungsmethode für Probleme“ war breit angelegt und interessant für jede Art von Sozialdiensten.

Der gebürtige Hermannstädter Dieter David begann mit einer Basislektion über den griechischen Begriff „Trauma“, übersetzt Wunde/ Verletzung. Heutzutage werde allzu schnell das geläufig gewordene Wort „jemand ist traumatisiert“ benutzt, ohne dass dieses der klinischen Diagnose entspreche. Man sollte diesen Begriff seiner Meinung nach nur in drei Fällen von traumatischem Stress einsetzen:

1. bei einmaliger oder mehrmaliger direkter subjektiver oder objektiver Todesnähe;

2. bei einer traumatischen Atmosphäre ohne Todesnähe, die Monate oder Jahre anhält, und

3. bei einer traumatischen Episode, die indirekt erlebt wird, allerdings ohne Todesnähe.

Als besonders interessant erwies sich die dritte Kategorie, da bei diesem indirekten traumatischen Stress einige Berufsgruppen wie Polizisten, Chirurgen, Sozialassistentinnen und klinische Psychologen besonders betroffen sein können.                                          

Als eine Basis der professionellen Hilfe für potenziell traumatisierte Menschen haben wir die Theorie der Salutogenese (griechisch = Entstehung/Geburt von Wohlbefinden/Gesundheit) des israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky kennen gelernt. Der Referent erwähnte das Gefühl der Kohärenz (lat: cohaerere = zusammenhängend), bestehend aus drei Komponenten: eine Situation soll verstanden werden, kontrollierbar sein und sinnvoll sein. Das Kohärenzgefühl hilft wesentlich bei Stressbewältigung und fördert die Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit).                                                                                                

Schließlich bildete für viele Teilnehmer die Gruppensupervision den Höhepunkt der Veranstaltung. Eine Teilnehmerin (Supervisandin) hatte über einen für alle Anwesenden nachvollziehbaren Problemfall eines rebellischen, verhaltensauffälligen Teenagers (ihr Klient) berichtet und ihre Fragen zur Planung ihrer weiteren Hilfeintervention gestellt.  Zunächst wurden zwei ausgesuchte Teilnehmer unter Leitung vom Supervisor David angeleitet, sich in die Betroffenen (die Supervisandin und ihr junger Klient) hineinzuversetzen.

In der zweiten Runde wurden alle Teilnehmer eingeladen, mit Lösungsvorschlägen zu diesem Fall beizutragen. Diese Methode wurde vom holländischen Psychiater Johan Lansen entwickelt und ist hier in Rumänien noch unbekannt. Man versteht hier unter Supervision einen professionellen Kontrollmechanismus für Psychologen, Psychiater oder Sozialberater.  Im Gegensatz dazu findet  in einem konkurrenz- und angstfreien Umfeld eine gemeinsame lösungsorientierte Reflexion des Supervisors, des Supervisanden und der beteiligten Gruppe statt.

Die halbjährlich stattfindenden Runden Tische werden vom Migrationsreferat und dessen Arbeitskreis Arca Binecuvântări Sibiu ABS in Zusammenarbeit mit dem Bischofsamt und der EAS organisiert und vom Lutherischen Weltbund LWB und der katholischen Organisation Renovabis unterstützt. 

Erika Klemm