Schätze des evangelischen Kirchengesangs im Teutsch-Haus


Heltau hat eines der ältesten Gesangbücher. Bild: hk

Das Gesangbuch der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR) feiert ein Jubiläum. Und dazu gibt es eine Ausstellung im Teutsch-Haus in Hermannstadt mit einigen interessanten Exponaten.  Vor rund 50 Jahren (1974) beschloss die 50. Landeskirchenversammlung, ein neues Gesangbuch für unsere Kirche herauszugeben, und beauftragte das Landeskonsistorium mit der Durchführung. Das alte Gesangbuch (von 1898!) war zum Teil inhaltlich überholt und die letzten Auflagen waren längst vergriffen.

Eine Expertengruppe erarbeitete das Manuskript in mühevoller, gewissenhafter, kompetenter und von Glauben und Begeisterung getragener Arbeit. Prof. Dr. Hermann Binder, Pfarrer Heinz Galter und Pfarrer Dr. Christian Weiß gehörten zum Kern dieser Arbeitsgruppe. 1976 war das Manuskript fertig und es begann das Setzen der Noten.

Die Druckvorlage wurde in der Württembergischen Bibelanstalt in Stuttgart erstellt. Der Druck erfolgte schließlich in Hermannstadt. Die erste Auflage mit 9.000 Exemplaren erschien im Frühjahr 1979. Ein Gesangbuch herauszugeben war in den 1970-er Jahren ein sehr heikles Unterfangen, da in der Zeit der Ceausescu-Diktatur mit Zensur und vielen Schwierigkeiten zu rechnen war.

Die Hermannstädter Stadtkantorin Brita Falch Leutert und die Theologiestudentin Daniela Boltres haben das Jubiläum zum Anlass genommen, 2024 eine Ausstellung zu erarbeiten, die die Geschichte und Gegenwart des Gesangbuchs nicht nur beleuchtet, sondern auch erklingen lässt. (QR-Codes führen zu Tonaufnahmen.)

Die Ausstellung wurde zuerst in der Ferula der Hermannstädter Stadtpfarrkirche präsentiert (Dez. 2024 – Jan. 2025), danach gastierte sie in Mediasch und wird nach Agnetheln weiterwandern. Im Teutsch-Haus wurde die Ausstellung durch einige Exponate aus dem Zentralarchiv der EKR und aus der Redaktion der Hermannstädter Zeitung ergänzt und wird bis Ende Februar zu sehen – und zu hören – sein.

Zehn Gründe, die Ausstellung „Schätze des evangelischen Kirchengesangs“ zu besuchen:

1.  Es geht nicht nur um das Gesangbuch von 1974 (bzw. 1979), sondern auch um herausragendes älteres und einiges neues Noten- und Liedmaterial.

2.  Ein einzigartiger Schatz ist die alte Kirchenmusik. Wir verweisen auf das berühmte mittelalterliche Heltauer Missale (13. Jahrhundert), das auf einer Schautafel vorgestellt wird und mit einem Hörbeispiel erklingt.

3.  Ein reicher Schatz des Kirchengesangs stammt aus der Reformationszeit. Martin Luther förderte das Kirchenlied und schuf selbst Lieder, die auch heute noch gesungen werden. Sein Choral „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ (233) (nach Psalm 46) – ist ein Schatz für sich. Diese sogenannte „Hymne der Lutheraner“, lieben die Siebenbürger Sachsen besonders, da sie so gut in unsere Kirchenburgen-Landschaft passt. Das Lied widerspiegelt auch die Entschlossenheit, mit der jahrhundertelang die Glaubensfreiheit hochgehalten wurde.

„Ein‘ feste Burg“ und „Nun danket alle Gott“ (257) sind die beiden Lieder, die traditioneller Weise stehend (und auswendig!) gesungen werden. Das gemeinsame Singen im Gottesdienst und das private Lesen im Gesangbuch (Psalmenbuch) hat einen unermesslichen geistlichen Wert.

4.  Da sind auch Archivschätze zu nennen, wie das hier erstmals ausgestellte Birthälmer Cantionale von 1620, sowie, in Form von Kopien, das Senndorfer und das Kronstädter Cantionale.

5.  Erwähnenswert sind die Dicta, eine besondere Gattung der Kirchenmusik für Instrumente, Solisten, Chor und Gemeinde. Kurt Philippi schreibt: „Dictum ist die Bezeichnung für ein musikalisches Genre, das zwischen Kantate und geistlichem Konzert anzusiedeln ist. In Siebenbürgen war das Dictum vom Anfang des 18. Jh. bis zum ausgehenden 19. Jh. in vielen Gemeinden fester Bestandteil des evangelischen Gottesdienstes. Die Gemeinde sang die eingeflochtenen Choräle mit.“

6.  Ausgestellt ist auch ein altes Gesangbuch, in Elfenbein und Perlmutt gebunden, mit Goldschnitt und Zierschließe versehen. Die älteren ausgestellten Gesangbücher, die viele Auflagen zählten und zum Teil auch edel gebunden wurden, zeugen von der Bedeutung und Beliebtheit der Vorgänger-Gesangbücher.

Während viele Familien oft nur eine einzige Bibel in ihrem Haus hatten, war das Gesangbuch meist ein persönlicher Gegenstand; jeder hat sein eigenes Exemplar, aus dem nicht nur sonntags gesungen wird. Die Gesangbuchlieder sind eine erbauliche Lektüre, sie sind Mini-Predigten und Gebete für alle Lebenslagen.

7.  Einen weiteren Schatz bilden die Forschungsarbeiten zum geistlichen Gesang. Der Kirchenmusiker Dr. Tamás Szőcs (Kronstadt und Graz) stellt fest, dass die Erforschung des deutschen Kirchenlieds in Siebenbürgen innerhalb der musikwissenschaftlichen Forschung (noch) unterrepräsentiert ist. Zu allen Zeiten wurde die hymnologische Forschung in Siebenbürgen (nur) von einigen wenigen Personen betrieben, vor allem von siebenbürgischen Theologen und – in der letzten Zeit – auch von Sprach- und Musikwissenschaftlern.

8.  Ein jüngerer Schatz des Kirchengesangs ist noch ein „zartes Pflänzchen“: die rumänischen und zweisprachigen evangelischen Gesangbüchlein und -bücher unserer Kirche. Autoren sind Stefan Cosoroabă, Gerhard Wagner und insbesondere Kurt Philippi, sowie weitere Autoren, vor allem Pfarrer. Am bekanntesten ist das so genannte „Grüne Gesangbuch“ von 2007. Ein Aufsatz dazu ist in der Zeitschrift für ökumenische Forschung zu lesen, RES Nr. 8, 1/2016.

9.  Wie sehr manche Menschen das evangelische Gesangbuch schätzen, war im letzten Jahr wöchentlich in der Hermannstädter Zeitung zu lesen. Danke an die Redaktion! In der Rubrik „50 Lieder für 50 Jahre – Mit dem evangelischen Gesangbuch durch das Jahr 2024“ schrieben Menschen unterschiedlicher Berufe und unterschiedlichen Alters über die Lieder, die ihnen am Herzen liegen.

10.  Die Gesangbücher selbst, die physischen Bücher, sind ein Schatz. Nachdem aus realistischen Gründen zurzeit keine Neuauflage in Sicht ist, sind die noch existierenden Exemplare sehr kostbar. Leider sind etliche davon sehr abgegriffen oder sogar beschädigt; sie können aber von Buchbindern repariert werden.

Mögen wir oft und gerne – gemeinsam und auch allein – aus unserem Gesangbuch singen. Denn: „Mein‘ Seel‘ soll auch vermehren Sein Lob an allem Ort!“ (208, 4)

Dr. Gerhild Rudolf