15 Jahre im Amt: Bischof Reinhart Guib zieht Bilanz und blickt nach vorne


Auch in diesem Jahr dürften den Bischof Reinhart Guib und seine EKR große Herausfordeungen erwarten - hier im Bild beim Sachsentreffen in Zeiden. Bild: hk

In einem ausführlichen Interview mit dem ungarischen Journalisten Guth   berichtet Bischof Reinhart Guib über seine Anfänge, die herausfordernde Zeit in den 90er Jahren, aber auch darüber, was ihn optimistisch in die Zukunft blicken lässt.

Herr Bischof, Sie wurden vor 15 Jahren, im Jahre 2010, nach drei Jahren als Bischofsvikar, zum Sachsenbischof gewählt - wie blicken Sie auf diese 15 respektive 18 Jahre Dienst zurück?

Bischof Reinhart Guib: Mein Blick ist von Dankbarkeit geprägt. Dankbar Gott gegenüber, der mich in all den Jahren mit Mut, Kraft und Hoffnung beschenkt hat für den Dienst als Bischof. Meiner Kirche, der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, und ihren Seelen, dankbar, die mich über viele Begegnungen, Ereignisse, Täler und Höhen hindurch begleitet und gestärkt haben. Dankbar für die große Familie der Kinder Gottes, die ich in vielen Begegnungen, ökumenischen Treffen, Veranstaltungen habe kennen- und schätzen gelernt. Meiner Familie dankbar, für das uneingeschränkte Verständnis und den Beistand, auch und besonders in meiner akuten Krankheitsphase.

Wie haben Sie die Umbruchszeit mit der Auswanderung von immer mehr Sachsen erlebt?

Bischof: Es war ein großer Wunsch von mir, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden. 1984 konnte mich niemand mehr daran hindern, auch meine Eltern nicht, die nach Deutschland auswandern wollten. Einige belächelten meinen Entschluss, da sie ihn im Angesicht der zunehmenden Auswanderung für inopportun hielten. Ich blieb aber dabei, weil ich sicher war, dass nicht alle auswandern werden und hier nach dem Fall des kommunistischen Regimes ein jeder gebraucht würde. 

In dieser Zeit war die Überwachung durch die Securitate allgegenwärtig - haben Sie davon Notiz genommen/nehmen müssen als junger Mann?

Bischof: Eher am Rande. Es wurde viel gemunkelt, auch über meine Freiheitspredigten gerade im Herbst und Dezember 1989, aber dann kam Gott sei Dank die Wende und dieses Schreckgespenst verschwand.

Im Jahr 1990 erhielten Sie Ihr erstes Pfarramt in Deutsch-Tekes - in diesem Jahr verließen 111.000 Rumäniendeutsche das Land. Inwiefern veränderte der Exodus das Selbstverständnis der evangelisch-lutherischen Geistlichen?

Bischof: Ich kam Dezember 1990 in eine Gemeinde, die von ehemals 1200 auf 410 Gemeindeglieder geschrumpft war. Es war eine seelisch sehr schwere Zeit. Ständig wurde Abschied genommen. Obwohl ich zum Dableiben ermunterte. Ich hatte in den fast vier Jahren Dienst keine Taufen und Trauungen, allein Konfirmationen und Beerdigungen. Als ich dann im Oktober 1994 nach Mediasch wechselte, waren noch rund 30 Gemeindeglieder in Deutsch-Tekes. Und trotzdem würde ich die Zeit nicht missen wollen. Wir haben da mit meiner Frau unsere ersten gemeinsamen Jahre verbracht, uns gemeinsam in Kirche und Schule eingebracht, Freundschaften geschlossen, eine Gemeinschaft erlebt, die etwas bewegte, zum Beispiel die Kirche renovierte, und dann auch verschiedene Wege ging.  Nicht anders war es in den anderen Gemeinden, die ich mitbetreute: in Galt, Schirkanyen und dann Streitfort.  Gerade weil ich der Kirche und den Menschen hier dienen wollte, bin ich dann nach Mediasch weitergezogen, dorthin, wo ich gerufen und gebraucht wurde.

Die Wende brachte die Möglichkeit der Restitution - welchen Erfolg konnte die Landeskirche erzielen, bzw. welche Misserfolge musste sie einstecken?

Bischof: Mit der Übernahme des Mediascher Bezirkes im Sommer 1995 hatten wir tatsächlich auch viel mit den Rückgaben zu tun. Die Rückgabeanträge wurden schon 1991 bei den zuständigen staatlichen Stellen hinterlegt. Nun kamen die positiven wie negativen Bescheide. Gegen die negativen gingen wir gerichtlich sowohl in Rumänien wie auch beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg vor. Leider mit wenig Erfolg. Besonders enttäuschend und ernüchternd waren die negativen Urteile aus Straßburg. Doch wir versuchten die Gebäude, Grundstücke und Waldflächen, die wir zurückbekamen, als Ressource voll zu nutzen. Zum einen für die Gemeindearbeit, zum anderen versuchten wir sie zu vermieten und zu verpachten und im Ausnahmefall, wenn kein anderer Weg mehr möglich war, zu verkaufen.

So wurden die Finanzen saniert und wir konnten die Kirchenburgen renovieren und die Gemeinden unterstützen, die es nötig hatten bzw. die Bezirksgemeindefeste als gemeinschaftsverbindende Treffen zweimal jährlich durchführen. Auch bauten wir ein Netzwerk von Partnern und Freunden auf, die uns in verschiedenen Projekten zum Gemeindeaufbau und zur Nächstenhilfe dienlich waren.

Landeskirchlich sind uns von den rund 1000 Rückgabeanträgen erst etwa die Hälfte positiv beschieden und die genannten Objekte wieder restituiert worden. Auch hier trachten wir danach, sie für unsere Gemeinschaft zu nutzen, oder für Bildungs-, soziale und touristische Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, die der Gesellschaft dienen, nach dem biblischen Prinzip: „Suchet der Stadt Bestes, denn wenn`s ihr wohlgeht, so geht`s auch euch wohl.“ Wo dafür kein Bedarf besteht, werden sie, wie in Mediasch und andernorts, vermietet, verpachtet und im allerletzten Fall veräußert, um doch erhalten zu bleiben.

Über den Abgeordneten der Deutschen Minderheit im Rumänischen Parlament sowie die Rumänisch-Deutsche Regierungskommission, die jährlich tagt, versuchen wir die staatlichen Stellen zu bewegen, schneller und effektiver zu arbeiten, was sich in dem einen und anderen Fall auch als erfolgreich erweist. Wir bleiben jedenfalls weiter dran, denn unser väterliches Erbe wollen wir würdevoll erhalten, nutzen und der Gesellschaft, in der wir leben, einen Mehrwert zurückgeben.

Der Unterhalt der Kirchenburgen und sonstiger Liegenschaften stellt sicherlich eine immer größere Bürde dar - wie versuchen Sie diesem zu begegnen?

Bischof: Die Kirchenburgen sind ein Identitätsmerkmal und monumentales Erbe unserer Kirche und der Siebenbürger Sachsen. Sie zu restaurieren, zu erhalten und zu nutzen sehen wir als eine selbstverständliche Aufgabe. Gewiss überfordert diese unsere nach der Wende auf zehn Prozent geschrumpfte Gesamtgemeinde. Nichtsdestotrotz gehen wir diese Aufgabe nach wie vor auf verschiedenen Ebenen an: Über EU-Projekte haben wir in den letzten 15 Jahren einmal 18, dann 16 Kirchenburgen restauriert und nun sind weitere drei in der Renovierungsphase. Über die 2015 von unserer Kirche gegründete „Stiftung Kirchenburgen“, unter der Schirmherrschaft des rumänischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundespräsidenten, werden jährlich weitere Maßnahmen durchgeführt, hauptsächlich zur Sicherung von Kirchendächern und gefährdeten Kirchenmauern. Weitere Partner wie insbesondere die Heimatortsgemeinschaften in Deutschland, aber auch Vereine, Stiftungen und Bürgermeisterämter unterstützen uns, indem sie durch Renovierungsmaßnahmen und Pflege Verantwortung für eine Vielzahl von Kirchenburgen übernehmen.

So konnten wir von den rund 160 Kirchenburgen mit allen Partnern und Helfern gemeinsam mehr als die Hälfte herrichten, sodass man dort Besucher empfangen und in einigen diese sogar unterbringen und verpflegen kann. Wir wissen, es gibt noch viel zu tun. Wir bleiben dran, um so viele wie möglich für uns und die Nachwelt zu retten. Und wir weisen auch immer wieder darauf hin, dass diese zum Teil UNESCO-Weltkulturerbe und Nationales Kulturerbe sind, das gänzlich nur mit Hilfe auch von rumänischen staatlichen sowie internationalen kompetenten Institutionen für die Zukunft als Kirchenburgenlandschaft erhalten werden kann.

Bereits in den 1990er Jahren führte Ihr Weg erneut nach Mediasch - inwiefern hat sich Ihre Heimatstadt seit Ihrer Jugend verändert? Welche Herausforderungen mussten bewältigt werden?

Bischof: Tatsächlich stark zurückgegangen an Zahl und Kräften war auch die Mediascher Kirchengemeinde nach der Wende. Tragende Strukturen waren weggefallen. Aber es waren immerhin rund 1000 Mitglieder damals noch vor Ort. Gemeinsam mit den Ehrenamtlichen und den Hauptamtlichen haben wir da ein Modell einer großen Diasporagemeinde geschaffen, die Vorbildcharakter für unsere Kirche haben sollte. Die Verwaltung der kleingewordenen Landgemeinden um Mediasch wurde vom Bezirk übernommen.

Als Dechant des Kirchenbezirks war es mir wichtig, in allen Gemeinden für geordnete und gute Verhältnisse zu sorgen. Die Pfarrer des Bezirks wohnten zentral im Mediascher Kirchenkastell, wobei jeder seine Zuständigkeit an Gemeinden im Bezirk sowie einen Seelsorgebezirk in der Stadt hatte. Auch in der Stadt Mediasch hatten wir unsere Zuständigkeiten im geistlichen und religionspädagogischen Bereich.

Trotzdem war es mir auch wichtig, dass wir uns auch abwechselten in den Diensten, um die Vielfalt kennenzulernen und zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Über den neugegründeten, dem Bezirk unterstellten Diakonieverein konnten wir die Alleinstehenden und Kranken in Mediasch mit einem warmen Mittagessen, genannt „Essen auf Rädern“ versorgen, die Kranken und Alten über den Samariterinnendienst in Stadt und Land besuchen und begleiten, sowie mit dem Altenheim in Hetzeldorf Menschen eine Heimstätte in der gewohnten ländlichen Umgebung ermöglichen.

Durch den Gemeindebrief „Schritte“ und die schon erwähnten Bezirksgemeindefeste konnten wir die Gemeinden und Gemeindeglieder zu einer Gemeinschaft über Grenzen hinaus zusammenführen. Und das versuchen wir heute nach dem gleichen Modell landeskirchlich über die Gemeindeverbände. So sind inzwischen ein Drittel der Gemeinden in neun Gemeindeverbänden strukturiert, wobei sie zusammen ein funktionierendes Pfarramt, Diakonie und Verwaltung haben und regional zusammenwachsen. Das Schöne: Weitere bereiten sich darauf vor. Die Gemeindeverbände werden in Zukunft die lebensfähige Struktur in der Kirche sein.

Die Gesamtgemeinde der Evangelischen Landeskirche A. B. ist von Überalterung gekennzeichnet - inwiefern ist der Erhalt kirchlicher Strukturen vor deren Hintergrund möglich und bestehen Unterschiede zwischen den einzelnen Gemeinden?

2025 schreiben wir das erste Jahr nach 1940 mit einer größeren Gemeindegliederzahl als das Jahr davor. Schon seit Jahren bemerken wir eine Stabilisierungstendenz. Jeweils zehn Prozent Zuzüge verzeichnen wir durch die evangelischen Siebenbürger Sachsen und Freunde aus Deutschland, die zeitweise oder ganz nach Siebenbürgen zurückkehren, sowie durch die aus rumänischen und ethnisch gemischten Familien stammenden Jugendlichen, welche die deutsche Schule besucht und über den evangelischen Religionsunterricht und die Angebote unserer Kirche für junge Menschen den Weg zu unserer Kirche gefunden haben.

Auch weiteres macht uns Hoffnung auf Zukunft: Neben der zunehmenden Anzahl an Gemeindeverbänden, sind das eine sehr aktive Frauenarbeit, eine anerkannte diakonische und soziale Arbeit, eine vernetzte Kultur- und Bildungsarbeit, ein bewährtes Zentrum-Evangelische-Theologie-Ost und verstärkte gesellschaftliche Implikation im Demokratie- und Werteprozess in Rumänien, zudem großes Engagement der Ehrenamtlichen unserer Kirche und ein erstarktes Jugendwerk, das 2026 sein 20. Jubiläum feiert und das eine tolle Arbeit leistet, indem es für den Glauben an und ein Leben mit Christus wirbt. Auch wenn die Überalterung in den Landgemeinden noch spürbar ist, wächst da und ganz deutlich in den Stadtgemeinden, wo sich vermehrt neue und junge Leute ansiedeln, eine neue Generation heran, welche die Kirche von morgen sein wird.

Wo sehen Sie die Landeskirche in einigen Jahrzehnten?

Bischof: Seit 2014 arbeiten wir strategisch und bauen durch das Strategiekonzept „Zukunft Kirche“ unter dem Motto „Aus Glauben Leben in Gemeinschaft gestalten“ an der Zukunft der Kirche mit. Es ist spannend zu erleben, dass Gott seiner Kirche, wie im Fall unserer Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, nach dem Fast-Ende 1990 einen neuen Anfang und neues Leben geschenkt hat. Wir vertrauen darauf, dass die Kirche aus Gottes Gnade weiterleben und die Werke des Herrn verkündigen kann.

Herr Bischof, vielen Dank für das Gespräch!

Gerne! Kommen Sie und sehen und überzeugen Sie sich selbst!